
Emmendingen. Barrierefreiheit beginnt nicht erst dann, wenn ein Gebäude fertiggestellt ist oder sich im Alltag Probleme zeigen. Wie wichtig es ist, die Belange unterschiedlicher Nutzerinnen und Nutzer bereits bei der Planung mitzudenken, war eines der zentralen Themen im Gespräch der Landtagsabgeordneten Stefanie Wernet mit Esther Weber und Philipp Hensel, den kommunalen Beauftragten für Menschen mit Behinderungen im Landkreis Emmendingen. Bei ihrem Besuch informierte sich Wernet über die Arbeit der beiden Beauftragten und über die Erfahrungen, die sie im Austausch mit den Städten und Gemeinden, der Kreisverwaltung, Verbänden, Selbsthilfegruppen und den kommunalen Inklusionsvermittlern sammeln. „Mir ist bei dem Gespräch noch einmal deutlich geworden, wie viel über eine gute Vernetzung erreicht werden kann“, sagte Wernet. „Gerade auf kommunaler Ebene muss das Wissen darüber vorhanden sein, wo Barrieren entstehen können und wer frühzeitig eingebunden werden sollte.“ Esther Weber und Philipp Hensel beraten den Landkreis in Fragen, die Menschen mit Behinderungen betreffen. Gleichzeitig sind sie Anlaufstelle für Betroffene und Angehörige und vernetzen unterschiedliche Akteure im Landkreis. Eine wichtige Rolle spielen dabei auch die kommunalen Inklusionsvermittler, die die Themen Inklusion und Barrierefreiheit unmittelbar in die Städte und Gemeinden tragen. Wie vielfältig diese Arbeit ist, zeigt sich gerade im kommunalen Alltag. Es geht um barrierefreie Bushaltestellen, öffentliche Gebäude und Wege, um Spielplätze, Friedhöfe, Wohnangebote und um die Frage, wie öffentliche Einrichtungen für möglichst viele Menschen gut zugänglich und nutzbar gestaltet werden können. Ein besonderer Schwerpunkt des Gesprächs lag auf Bau- und Sanierungsvorhaben. Für Wernet ist dabei vor allem die frühzeitige Beteiligung entscheidend. „Wenn bei einem größeren Bauprojekt Barrierefreiheit erst am Ende geprüft wird, ist vieles bereits festgelegt. Dann müssen im schlechtesten Fall nachträglich Lösungen gefunden und Umbauten vorgenommen werden. Viel sinnvoller ist es, die entsprechende Expertise von Beginn an einzubeziehen.“ Dabei gehe es längst nicht ausschließlich um Menschen mit einer anerkannten Behinderung. „Barrierefreiheit kommt sehr viel mehr Menschen zugute“, betonte Wernet. „Wir erleben auch bei uns im Landkreis einen demografischen Wandel. Für ältere Menschen können ein stufenloser Zugang, gut erreichbare Haltestellen oder verständliche Wegeführung darüber entscheiden, wie lange sie selbstständig am öffentlichen Leben teilnehmen können.“ Auch Familien profitierten von einer guten, vorausschauenden Planung. Wer mit einem Kinderwagen unterwegs sei, ein kleines Kind begleite oder vorübergehend in seiner Mobilität eingeschränkt sei, stoße auf viele der gleichen Hindernisse. „Was für einen Rollstuhl gut erreichbar ist, ist in aller Regel auch für einen Kinderwagen, für ältere Menschen oder für jemanden mit einer vorübergehenden Verletzung leichter nutzbar. Deshalb ist Barrierefreiheit für mich ein Qualitätsmerkmal guter Planung und keine Sonderlösung für einzelne Gruppen“, sagte Wernet. Für die Abgeordnete hat das Thema auch eine finanzpolitische Seite. Als Mitglied des Finanzausschusses des Landtags beschäftigt sie sich regelmäßig mit der Frage, wie öffentliche Mittel eingesetzt werden. „Gute Planung bedeutet auch, Steuergeld vernünftig einzusetzen. Wenn Anforderungen von Anfang an berücksichtigt werden, ist das in aller Regel sinnvoller, als später teuer nachzubessern.“ Gerade bei größeren öffentlichen Bauvorhaben müsse deshalb frühzeitig darüber gesprochen werden, wer ein Gebäude oder eine Anlage künftig nutzen werde und welche Anforderungen sich daraus ergeben. Barrierefreiheit sollte nach Ansicht Wernets nicht als zusätzlicher Baustein am Ende einer Planung behandelt werden, sondern selbstverständlich Teil guter Planung sein. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Vernetzung zwischen Landkreis und Kommunen. Nicht jede Gemeinde könne für sämtliche Fragestellungen eigenes Fachwissen vorhalten. Umso wichtiger seien feste Ansprechpartner, kurze Wege und ein regelmäßiger Erfahrungsaustausch. „Wir haben im Landkreis sehr unterschiedliche Kommunen und unterschiedliche Ausgangslagen. Deshalb ist dieses Netzwerk so wertvoll. Gute Lösungen aus einer Gemeinde können auch anderen weiterhelfen, und nicht jedes Problem muss an jedem Ort neu gelöst werden“, sagte Wernet. Sie dankte Esther Weber und Philipp Hensel für den ausführlichen Einblick in ihre Arbeit. „Inklusion und Barrierefreiheit zeigen sich am Ende ganz konkret im Alltag: Kann ich ein Rathaus erreichen? Kann ich eine Bushaltestelle nutzen? Kann ich mich mit einem Rollator, Rollstuhl oder Kinderwagen gut bewegen? Gute Planung schafft hier einen Mehrwert für viele Menschen und genau deshalb sollte sie von Anfang an mitgedacht werden.“
Bild 1 v.l.n.r.: Philipp Hensel, Stefanie Wernet, Esther Weber
23.09.2026


